Wisi x Via Alpina

Endspurt? Von wegen! In einem mir bislang unbekannten Wandergebiet entdecke ich neue Dörfer, neue Ausflugsziele und neue Spezialitäten.

Etappe 17

Gstaad – L’Etivaz

05.10.2019 ➙ 16 km ➚ 1'300 m ➘ 1'200 m

Beim Start laufe ich an einer Cartier-Boutique und einem Prada-Schaufenster vorbei, der mondäne Jet-Set-Lifestyle ist aber schnell vergessen: Der Aufstieg hier gehört zu den steilsten der ganzen Route. Und dann nieselt es auch noch unaufhörlich – an diesem Wochenende hole ich mir eine Erkältung.

Davon merk ich natürlich noch nichts, im Gegenteil, als ich den Col de Jable überschreite und den Kanton Waadt betrete, erscheint die Sonne.

Die Etappe endet in L’Etivaz, wo ich auch übernachte. Hier lerne ich den gleichnamigen Bergkäse kennen. Dieses AOP-Produkt war mir bislang nicht bekannt. Mittlerweile schätze ich es umso mehr: Im Winter werde ich ein würziges Westschweizer Fondue zubereiten, je zur Hälte mit L’Etivaz und mit Freiburger Vacherin. Ich kann es nur empfehlen!

Etappe 18

L’Etivaz – Rossinière

06.10.2019 ➙ 14 km ➚ 340 m ➘ 580 m

Eine äusserst kurze und leichte Wanderung, kaum mehr als ein Sonntagsspaziergang. Immerhin führt sie durch das liebliche Château-d'Oex, das ich noch gar nie besucht hatte. Ich stelle fest: Dies war ein Versäumnis.

Etappe 19

Rossinière – Rochers de Naye

20.10.2019 ➙ 19 km ➚ 1'900 m ➘ 820 m

Ich bin schon fast auf der Zielgerade, als die Via Alpina nochmals meine Puls hochschnellen lässt. Und meine Geduld testet: In einem ersten Teil geht es 900 Meter in die Höhe, dann gleich 800 Höhenmeter bergab, und schliesslich steigt der Weg nochmals 1000 Meter bergauf.

Ich versuch, dies souverän anzugehen. Ich mach es nicht schlecht. Aber die Via Alpina zeigt keine Gnade: Auf den letzten Kilometern, die durch ausgesetztes Gelände führen, taucht ein heftiger Wind auf. Kräftige Böen zerren an mir. Spätestens als ich auf einem Grad stehe, muss ich stark gegen sie ankämpfen. Ich gerate ein bisschen in Panik: Was, wenn plötzlich eine so heftige Bö kommt, die es schafft, mich vom Grat zu stossen? Bei jedem stärkeren Windstoss kauere ich nieder.

Als ich endlich am bei der Bergstation des des Rochers de Naye ankomme, bin ich ziemlich fertig. Mir fehlt die Kraft (und die Lust), ganz auf die Spitze zu steigen und ich nehme die erstbeste Bergbahn nach unten.

Etappe 20

Rochers de Naye – Montreux

27.10.2019 ➙ 13 km ➚ 100 m ➘ 1'650 m

Murmeltiere, Alpgarten, ein Klettersteig und nicht zuletzt ein atemberaubendes Panorama – es leuchtet ein, warum die Bergbahn auf den Rochers de Naye so voll ist. Dabei lohnt sich auch der Auf- bzw. Abstieg zu Fuss: Gegen Montreux hinunter (vermutlich auch bergauf) wandert man auf einem schön angelegten Pfad, der nie zu steil oder zu ausgesetzt ist und geniesst tolle Ausblicke auf den Genfersee und die umliegenden Alpen.

Zum Abschied schickt mich die Via Alpina auf eine Ehrenrunde. Kurz vor Montreux führt sie mich in die Gorge de Chauderon, einer wildromantische Schlucht. Ich gebe es nur ungern zu: Hier beeindruckt mich vor allem eine Autobahnbrücke, die sich über die Flucht spannt. Das letzte Mal hatte ich in der allerersten Etappe eine Autobahn gesehen. Man kann also auch in der Schweiz fast drei Wochen lang herumlaufen, ohne von Blechlawinen gestört zu werden.

Dann erreiche ich Montreux, den Bahnhof, den Genfersee. Ich bin am Ziel. Ich habe das Ende der Via Alpina erreicht. Ich bin müde, erschöpft und glücklich. Es liegen ja auch 21 Etappen, 290 Kilometer und 24'000 Höhenmeter bergauf hinter mir!

Das war's

Für mich war dies eine sehr anstrengende Tour. Jaja, sie ist machbar, aber wer sie in Angriff nehmen will, soll die Höhenkurven vorgängig gut studieren und sich fragen, ob es wirklich sein Ding ist, regelmässig 1500 Höhenmeter zu machen. Wer diese Wanderung oder auch nur ein paar Teile am Stück machen will, sollte entsprechend fit sein.

Abgesehen von ein paar wenigen Zweitägern bin ich die «Via Alpina» in Tagestouren gelaufen, im Schnitt eine Etappe pro Woche. Am Stück hätte ich sie vermutlich ganz anders, intensiver erlebt. Andererseits empfand ich die Hin- und Rückfahrten auch als Gewinn. Dass ich bei fast jeder Fahrt ins Berner Oberland anders umsteigen musste, erhöhte meine geografische Kompetenz.

Obwohl die «Via Alpina» nichts für Genusswanderer ist, wurde sie im Sommer 2019 von Schweiz Tourismus promotet, u.a. mit Werbevideo, Eventitis und Influencern. Und einem «Wanderpass». Ich hab mir so ein Teil bestellt, aber schon auf der ersten Etappe fand ich die Stempelstation nicht und nahm den Pass in der Folge dann nicht mehr mit. Wer Stempel sammeln will (damit ihm Schweiz Tourismus am Ende ein «Zertifikat» schicken kann): Viel Glück bei der Suche nach den Stempelstationen.

Bei der Vorbereitung erfuhr ich, dass kurz vor mir Nick Hartmann die «Via Alpina» gemacht hat. Ich fürchtete, dies und die Schweiz-Tourismus-Massnahmen würden einen Hype auslösen. Dem war zum Glück nicht so. Natürlich wimmelte es an schönen Sommersonntagen im Berner Oberland nur so von Wandern. Aber abseits der Hotspots durfte ich Ruhe geniessen, auf mancher Etappe hatte ich selbst am Wochenende das Gefühl, ich sei fast allein unterwegs.

Fast alleine! Denn immer wieder überraschte ich wilde Tiere. Nicht irgendwo in der Ferne – die tauchten jeweils nur ein paar Meter von mir entfernt auf und waren dann verblüffter als ich. Darunter: ein Fuchs (ob Elm), drei Gämse (bei Mürren), ein Steinbock (nach Gstaad) und ein sich verzweifelt und unglaubwürdig tot stellendes Murmeltier (ob Kandersteg).

Was mir landschaftlich besonders in Erinnerung geblieben ist? Definitiv das Pays-d'Enhaut. Natürlich liebe ich das Glarnerland. Selbstverständlich sind mir die Innerschweizer Berge ins Herz gemeisselt. Klar, erkennt man besonders im Vergleich, wie unglaublich schön das Berner Oberland ist. Die Waadtländer Alpen waren mir aber völlig neu, die habe ich erst auf dieser Wanderung entdeckt. Und die werde ich mir künftig genauer angucken müssen.

A propos: Nach der Wanderung ist vor der Wanderung. Auf jeder Tour sieht man ja etwas, das man noch genauer betrachten will, entdeckt man etwas, das man später auskundschaften möchte. Darum konnte ich zwar die Via Alpina von meiner Bucket List streichen, es sind aber auch ganz viele neue Vorhaben darauf erschienen. Darunter: der Liechtensteiner Panoramaweg (ich muss nochmals ins Ländle, und dieser Dreitäger würde es mir nochmals schön zeigen), Heidelpass (der andere Pass vom Weisstannental, allerdings weiss ich noch nicht, wie ich das machen will, weil ich nicht in SAC-Hütten nächtigen mag), nochmals den Richetlipass (aber nur ab Obererbs und nur wenn es auf der Linthaler Seite trocken und nicht so rutschig ist), nochmals den Surenenpass (aber von Engelberg aus und mithilfe aller mir zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel!), Gasterntal (sah ich aus der Ferne, sah fantastisch aus!), Louwenesee (weil mich die fragwürdige Routenwahl der «Via Alpina» um seinen Anblick betrog), Engstligenalp (dito).

Ich wandere nicht wegen der sportlichen Herausforderung oder aus Liebe zur Natur. Ich liebe Weitwanderungen, weil ich Gegenden im Kontext kennenlernen kann, weil ich die Vernetzung von Regionen, Sprachen, Kulturen spürbar erleben darf. Darum fehlt mir bei der «Via Alpina» das Narrativ. Bei den meisten anderen Schweizer Weitwanderungen – «Via Gottardo», «Jura-Höhenweg» – ist schon in Namen klar, was sie mir erzählen wollen. Die «Via Alpina» hingegen scheint einfach ein Weg zu sein, der durch die Alpen führt. Der Geburtsfehler der Tour (sie beginnt ja irgendwo im Wald) zieht sich durch; es ist einfach eine Tour, statt durchs Glarner- könnte sie genauso gut durchs Bünderland führen, statt 14 Alpenpässe könnte sie den Wanderer auch über 11 oder 17 führen, statt 20 Etappen könnten es auch mehr oder weniger sein. Das hat leider auch Einfluss aufs Wandererlebnis: Bei der «Via Gottardo» beispielsweise ind selbst langweilige Etappe integraler Bestandteil des Gesamtergebnisses und -erlebnisses. Bei der «Via Alpina» fragt man sich hingegen schnell mal: hätten die nicht eine schönere Route wählen können? warum muss ich hier durch?

Lust auf weitere Wanderungen mit mir? Hier geht's zum Jurahöhenweg und hier zur Wanderung vom nördlichsten zum südlichsten Punkt der Schweiz.