Wisi x Via Alpina

In der Innerschweiz führt die Via Alpina zu einem grossen Teil durch mir bekanntes Gebiet. Dennoch entdecke ich Neues. Und meine Grenzen.

Etappe 6

Urner Boden – Altdorf

21.07.2019 ➙ 27 km ➚ 950 m ➘ 1'850 m

Die App verspricht Regen, aber dann nieselt es doch nur. Der Weg führt am Anfang bergauf, aber nur kurz und er bleibt gnädig. Am höchsten Punkt, auf dem Klausenpass, steht ein Restaurant, in dem ich mir einen Kaffee gönne. Danach zeigt sich die Sonne. Es könnte alles so schön sein.

Aber es zieht sich vor allem in die Länge. Dies ist eine konditionell machbare, aber lange, wenig aufregende Etappe. Von mir aus hätte man in Spirigen Feierabend machen können, aber dann gehts dem Fluss entlang weiter nach Bürglen, und dann Richtung Altdorf (wobei ich einen zusätzlichen Kilometer anhänge, weil ich nicht beim Telldenkmal, sondern am Bahnhof meine Tagestour abschliesse).

Ein bisschen enttäuscht bin ich auch, weil der Wanderweg fernab der beeindruckenden Passstrasse verläuft, von der man so gar nichts mitbekommt. Ich sag es nur ungern: Für einmal wär's im Auto bedeutend aufregender gewesen.

Etappe 7

Altdorf – Engelberg

01.08.2019 ➙ 30 km ➚ 2'100 m ➘ 1'500 m

Um fünf Uhr stehe ich auf, um sechs fährt mein Zug. Um halb acht steige ich in Altdorf aus und wandere los. Um acht Uhr passiere ich Attinghausen und nehme die tausend Höhenmeter bis Brüsti in Angriff. Um elf Uhr bin ich oben, erschöpft, aber glücklich, vor allem aber genau in der Zeit. Ich sehe einen Wanderwegweiser und lese: «Engelberg: 7 Stunden». #FML!

Dies ist die anstrengendste Etappe der ganzen Via Alpina. Schon fast ein halber Tag ist rum, ich hab beinahe das Programm eines Wandertags hinter mir, aber jetzt muss ich nochmals tausend Höhenmeter erklimmen, noch weitere 21 Kilometer bezwingen!

Ich schaff das, irgendwie, aber ich muss kämpfen. Öfters, als mir lieb ist, muss ich pausieren; langsamer, als ich möchte, komme ich voran. Es gäbe Schönes, so viel Schönes zu sehen, aber ich kann ihm nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. Schade. Denn ich komme an meine Grenzen.

Endlich ist der Surenenpass erreicht. Ich raste. Beim Runtergehen wirds leichter. Aber ich bin auch im Gebiet von Engelberg. In Engelberg – so hat mir eine Kollegin erst neulich erklärt – ist alles breiter und grösser, man braucht stets länger als gedacht, bis man einen bestimmten Punkt erreicht hat.

Ich sowieso. Fast zwölf Stunden, nachdem ich in Altdorf los bin, komme ich in Engelberg an. Dort ist Dorffest – Nationalfeiertag! Ich mach um alles einen grossen Bogen. Ich bin zu kaputt, um mit anderen Menschen zu interagieren. Und die Ankunft am Ziel ist mir Feier genug.

Etappe 8

Engelberg – Engstlenalp

03.08.2019 ➙ 12 km ➚ 1'300 m ➘ 440 m

Déjà-vu? Erst zwei Wochen zuvor habe ich die Vier-Seen-Wanderung von Melchsee-Frutt nach Engelberg gemacht und bin damit einen Teil der Strecke bereits in umgekehrter Richtung abgelaufen.

Weil ich mich erst am Vorabend entschlossen hab, heute diese Etappe in Angriff zu nehmen, ist das Hotel Engstlenalp ausgebucht. Ich laufe darum die eh schon kurze Etappe nicht ganz zu Ende, sondern nehme gleich nach dem Jochpass die Sesselbahn zurück und lasse mich zum Berghotel Trübsee tragen, wo ich übernachte.

Weil ich so früh «Feierabend» mache, liegt sogar eine Siesta drin. Als ich nach einem Nickerchen einen Spaziergang zum Trüebsee mache (sehr sehenswert: die Kapelle Maria Himmelfahrt), sind die Tagestouristen bereits weg. Wo wenige Stunden zuvor noch hektischer Zirkus herrschte, geniesse ich nun besinnliche Ruhe.

Also doch kein Déjà-vu!

Etappe 9

Engstlenalp – Meiringen

04.08.2019 ➙ 21 km ➚ 740 m ➘ 2'000 m

Laut Beschreibung und auf der Karte liest sich diese Etappe als eine der leichteren der Via Alpina. Wer sie deshalb – so wie ich! – auf die leichte Schulter nimmt, hat schon verloren. Vor allem, wenn plötzlich zwei Störfaktoren auftauchen:

Ich bin nicht besonders schwindelfrei. Zwar ist diese Etappe nicht wirklich gefährlich, aber man läuft ein schönes Stück einer furchterregenden Böschung entlang. Für mich war das zu lange, irgendwann hat mich der stete Blick in die Tiefe ausgelaugt.

Gegen Ende läuft man auf dem Muggestutz-Weg, und wenn man denkt, man hätte den ausgestanden, taucht der «Kugelweg» auf, ein weiterer erlebnistouristischer Höhepunkt. Wer den Weg also nicht mit aufgeregten Kindergärtnern und Primarschülern teilen will, meidet diese Etappe am Wochenende und in der Ferienzeit.

Jetzt wisst ihr’s! Mir hat das keiner gesagt. Leider!