Nirgendwo verweilt die Via Alpina länger als im Berner Oberland, über ein Drittel der Strecke führt durch den zweitgrössten Schweizer Kanton. Auch der höchste Punkt des Weitwanderwegs ist hier zuhause.
Diese wunderschöne Strecke bin ich schon mal gelaufen, das muss aber über zehn Jahre her sein. Aber ich habe nichts vergessen: nicht den ganz klein wenig enttäuschenden Reichenbachfall und nicht das liebliche Reichenbachtal.
Vor allem aber nicht die beiden mächtigen Berge, die wie Leuchttürme den Weg weisen und von denen der Wanderer den Blick nicht abwenden kann. Im ersten Teil ist dies das imposante Wellhorn, nach der Grossen Scheidegg ist es der weltberühme Eiger. Man sieht ihn und denkt: Ich will da nicht hochklettern, aber ich möchte zumindest an seinem Fuss laufen. Die Via Alpina erfüllt diesen Wunsch schon auf der nächsten Etappe.
Das Berner Oberland kann sich einfach alles erlauben!
Schon ab Thun ist der Zug bums voll, in Interlaken wird die BOB förmlich gestürmt, in Grindelwald herrscht das pure Chaos. Den Oberländern ist das scheinbar nicht genug: Man liest, es werde noch eine Bahn auf die Kleine Scheidegg gebaut, weil… Der Kunde will das so!
Man zuckt mit den Schultern. Man kann da nichts machen. Man tröstet sich: Man ist ja zu Fuss unterwegs, man kann ausweichen. Also geht man los.
Und tatsächlich, es sieht gut aus. Das Wetter nicht besonders, aber vielleicht gerade deswegen. Es sind nicht viele Touristen unterwegs, man geniesst auf dem Weg zur Kleinen Scheidegg schon fast Ruhe und ein klein wenig Einsamkeit.
Aber dann wird man halt doch vom Berner Oberland eingeholt. Plötzlich ist man mitten drin im Trubel. Man hat nicht gewusst, dass heute dieser «Inferno Triathlon» stattfindet. Aber nun flitzen und keuchen links und rechts an einem Biker vorbei, die schon mehr als hundert Kilometer gefahren sind. Zuerst ist man überrascht, dann irritiert und schliesslich Fremdkörper: Wer nur unproduktiv rumsteht, steht im Weg und wird verscheucht; er hat Platz zu machen für den Sport und für das Marketing.
Man könnte sich ärgern und sich seinerseits gestört fühlen. Aber dann blickt man hoch zu den Gipfeln und runter in die Täler und es ist alles so wunderschön. Man vergisst den Trubel links und rechts. Man kann nicht protestieren, denn man ist sprachlos.
Darum kann sich das Berner Oberland einfach alles erlauben!
Ich bin… «enttäuscht» ist natürlich das falsche Wort! Aber von unten, auch von vis-à-vis (während einem grossen Teil der letzten Etappe) sah der Aufstieg von Lauterbrunnen nach Mürren weit dramatischer aus. Aber die achthundert Ausstiegshöhenmeter verteilen sich über einen recht angenehm angelegten Bergpfad. Überraschend schnell gewinne ich an Höhe, anschliessend wandere ich auf einem hübschen Panoramaweg Bahngeleisen entlang. Ganz entspannt komme ich in Mürren an.
Doch bald danach, bei der Alp Spilberg, stehe ich am Hang. Ich müsste hier gerade mal 200 steile Höhenmeter rauf, aber ich kann mich nicht motivieren. Ich habe keine Kraft, vor allem habe ich keine Lust. Hat der Aufstieg nach Mürren doch mehr Kraft gekostet als gedacht? War die Arbeitswoche zu stressig? Fehlt mir, weil ich um fünf Uhr aufgestanden bin, etwa Schlaf? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: ich mag nicht.
Dies ist nur eine Wanderung. Dies ist ein Hobby, dies ist Freizeit. Ich muss nicht weiter, und wenn ich nicht mag, muss ich nicht mal nach einer Begründung suchen. Ich breche ab, ich kehre um.
Nehmen wir nochmals einen Anlauf!
Ich bin leicht nervös, als ich in Mürren starte. Werde ich die Tour dieses Mal beenden können – oder muss ich hier gar die Via Alpina abbrechen?
Ich mache mir zu viel Sorgen. Leichtfüssig laufe ich den Hang, der mich letztes Mal kapitulieren liess, hoch. Fast wie von selbst geht’s dann weiter. Erst kurz vor der Sefinafurgga, dem höchsten Punkt der Etappe, verlangsamen sich meine Schritte und fast bin ich ein bisschen froh: Ich wollte schon mit mir schimpfen, dass ich diese Tour wohl schon letztes Mal hätte schaffen können. Aber je länger diese Etappe dauert – und es ist eine lange Etappe – desto mehr ist es mir recht, dass ich mich vor einer Woche zur Umkehr entschieden habe.
Vor allem aber, dass ich nochmals einen Anlauf nahm. Denn dann hätte ich was verpasst! Die Gegend rund um die Sefinafurgga ist eine wahre Mondlandschaft. Überall nur Schutt und Geröll; ein mit Seilen gesicherter Pfad führt auf den Pass, hinunter führt gar eine Treppe. Ein abgefahrenes Kontrastprogramm zur lieblichen Oberländer Berglandschaft.
Heute soll ich den höchsten Punkt der ganzen Via Alpina erreichen. Ich starte also demütig.
Und anfänglich mit stets kleiner werdendem Selbstvertrauen: Bei der Griesalp steigt ein bunter Haufen Berggänger aus dem Postauto und wandert los. An jeder Wegverzweigung verschwinden die entspannteren, lockeren Wanderer. Nur die toughen, durchtrainierten Alpinisten bleiben auf dem Weg zum Pass Hohtürli. Und ich.
Es wird dann aber gar nicht so schlimm! Der Weg ist zum Glück abwechslungsreich. Es geht über Waldweiden und einen Bergrücken hoch, man muss durch ein Geröllfeld balancieren und rasch durch ein Steinschlaggebiet eilen, es geht im Zickzack hoch, Ketten entlang und über mehrere Treppen hinauf. Es gibt also immer was Neues zu sehen, es gilt immer, anders zu laufen, und dies lenkt ab. Als ich kurz unter dem Pass eine Bank sehe, nutze ich die Gelegenheit zur Rast. Weil meinem Körper danach ist. Aber auch, weil ich meiner Seele eine Pause gönnen mag.
Als ich dann endlich das Hohtürli erreiche, steig ich grad nochmals 50 Höhenmeter hoch – zur legendären Blüemlisalphütte. Ich stehe nun auf 2834 m ü. M. Höher geht’s dieses Jahr nicht. Ich verschicke ein paar Selfies.
Der eigentliche Höhepunkt dieser Wanderung liegt aber tiefer: der Oeschinensee. An seinem tiefblauen Wasser treff ich wieder entspanntere, lockere Wanderer. Mein Selbstvertrauen ist da tief entspannt.
Dies ist eine Naja-Tour. Ganz okay, aber ich muss sie nicht nochmals machen. Toll ist aber sicherlich das Geröllfeld, dass ich durchqueren musste – auf «nur» 2’300 Meter über Meer fühlte es sich erneut fast wie auf einer Hochgebirgstour an. Und dann hatte ich tolle Einblicke ins Gasterntal. DAS sieht ja fantastisch aus; da muss ich unbedingt mal hin; dies kommt auf meine Bucket List!
Eine kurze, leichte Etappe. Vielleicht ist sie auch schön. Ich weiss es nicht, weil ich sehr beschäftigt war, aufzupassen, damit ich nicht von Berg-Trotinetts, Bikern und anderen Spasssportlern überfahren wurde.
In Erinnerung geblieben ist mir dafür der Kontrast zwischen dem hektischen, von Bergbahnen umzingelten Adelboden und dem hübschen, entschleunigtem Lenk, das in einem breiten und offenen Tal eingebettet ist.
Was soll ich sagen; es geht halt einen Berg hoch und dann wieder runter.
Mache ich einen gereizten Eindruck?
Nun gut. Diese und die beiden letzten Touren fand ich nur mässig interessant. Es mag Zufall sein, aber mich dünkt, seit ich das Gebiet des UNESCO-Welterbes «Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch» verlassen habe, hat das Berner Oberland arg an Attraktivität verloren. Ja, es ist hübsch hier, aber halt lange nicht so schön wie im Schatten des Eigers. Oder an vielen andern Orten zuvor.
Vielleicht liegt’s auch an der Streckenführung. Während der Aufstieg durchaus seinen Reiz hat, läuft man in der zweiten Tageshälfte einem Fluss entlang durchs Tal. Mässig spannend. Hätte man diese doch recht zahme Etappe nur ein bisschen gepimpt, hätte man die Wanderer über den Betelberg und dann an den berühmten Louwenensee schicken können. Und wenn wir schon dabei sind: Warum ging es in der letzten Etappe nicht über die Engstligenalp? Wär ja auch schön gewesen! Vielleicht auch ein bisschen anstrengender. Aber sonst geht die Via Alpina ja auch nicht den Weg des geringsten Wiederstandes!
Mache ich einen gereizten Eindruck?