Im Frühling 2019 startete ich in einem spontanen Anfall von Grössenwahn mit der Via Alpina. Dies war nicht der erste Weitwanderweg, der mich durch die Schweizen führen sollte. Aber bislang der anstrengendste.
In zwanzig Etappen führt die Via Alpina quer durch die Schweizer Alpen, von Liechtenstein bis zum Genfersee. Früher hiess diese Strecke «Alpenpassroute», immerhin führt sie über 19 Pässe.
Diese Herausforderung erklomm ich nicht am Stück, sondern fast immer in Einzeletappen. Was ich dabei sah, was ich dabei erlebte, will ich dir hier zeigen!
Das Abenteuer, das mich quer durch die Schweiz führt, beginnt im Ausland. Dort erfahre ich, dass der Weitwanderweg eigentlich eine Abkürzung ist.
Da die Via Alpina eine Strecke ist, besitzt sie einen Anfang und ein Ende. Jetzt einfach mal geometrisch gesehen. Alles andere ist komplizierter: Will man die Via Alpina begehen, merkt man, dass sie im Nirgendwo beginnt, im Irgendwo, weit weg von einer Ortschaft, einer geografischen Besonderheit oder zumindest einer ÖV-Haltestelle.
Grund dafür ist wohl, dass die (schweizerische) Via Alpina zu einem grossen Teil als Abkürzung dient für die (internationale) Via Alpina. Letztere startet in Slowenien, schlängelt sich durch Österreich, Italien und Deutschland und führt dann quer durch Liechtenstein, und irgendwo hier hängt sich erstere dran. (Die internationale V.A. besucht dann nochmals Österreich und Italien, anschliessend die weiteren Alpenländer Frankreich und Monaco. Wär auch mal was!)
Dies ist natürlich nicht mein erster Besuch in Liechtenstein, ich war hier sogar schon mal wandern, aber die vertikale Grösse des Ländles hat mich bei der Hinfahrt einmal mehr beeindruckt. Unglaublich, wie sich der Bus nach oben schraubt! Beim Kurhaus Gaflei, das jetzt eine Klinik ist, steige ich aus und beginne hier – gut einen Kilometer von ihrem mehr oder weniger offiziellen Anfang – «meine» Via Alpina.
Der Weg führt mich bergab, sanft, aber bestimmt, immerhin liegt Vaduz, das ich nur zwei Stunden nach dem Start erreiche, über tausend Meter unter dem Ausgangspunkt. Nach einem Spaziergang durch die liechtensteinischen Ebenen überquere ich den Rhein und betrete die Ostschweiz. Als Erstes passiere ich dort natürlich gleich eine Autobahn. Noch ist mir nicht bewusst, dass ich erst ganz am Ende der allerletzten Etappe wieder auf eine stosse.
Der Rest der Etappe ist ein hübscher Spaziergang mit hübschen Ansichten (Burg Wartau, Dorfbrunnen von Azmoos, Blick in die Bündner Herrschaft). Grössere Steigungen gibt es nicht. Noch nicht.
Den Foopass, den ich auf der nächsten Etappe überschreiten werde, habe ich schon vor Jahren einmal bezwungen. Erst danach erfuhr ich damals, dass ich ein Highlight verpasst haben musste; überall las ich von der Schönheit des Weisstannentals.
Die übersehe ich diesmal nicht. Kaum habe ich mich mit nach einem kurzen Aufstieg vom Aggolobrei des Rheintals entfernt, laufe ich durch ein Stück Bilderbuchschweiz: ein liebliches Tal mit Wiesen in allen Grüntönen, eingerahmt von schroffen Bergen, gezeichnet von einem wilden Bächlein. Tatsächlich: Es ist wunderschön hier!
Endlich der erste Pass!
Beim Aufstieg merke ich: Ich bin noch nicht so ganz fit. Und dass ich die letzten Meter über ein noch nicht weggeschmolzenes Schneefeld laufen muss und dann immer wieder einsinke, macht den heutigen höchsten Punkt auch nicht zugänglicher. Auf dem Pass beeindrucken mich zwei schottische Rentner dann umso mehr: das Ehepaar ist zügig unterwegs und weit ambitionierter als ich, sie wollen die Via Alpina in einem Stück bis Meiringen durchwandern. Würde ich nicht schaffen!
Der Abstieg ist gnädig: Bis auf ein kleines, steiles Stück gleich nach der Passhöhe verläuft der ganze Weg bis Elm auf sanft abfallenden Strassen, was insbesondere meine Knie freut. Bei der ersten Alphütte sehe ich, dass gewirtet wird. Ich setze mich an den Tisch und trinke in einem Zug gleich zwei Flaschen Elmer Citro leer. Als ich beim Bezahlen frage, was es kostet, sagt man mir: «Geben Sie einfach, was es Ihnen wert ist.»
Ich lege einen grösseren Betrag hin.
Den Foopass habe ich, wie erwähnt, schon früher gemacht. Und auch die anderen grossen Pässe um Elm, den Panixer- und den Segnaspass. Vor dem Richetlipass habe ich mich aber bislang gedrückt, weil ich gehört hatte, dass er so anstrengend sei. Nun muss ich feststellen, dass er eigentlich vergleichsweise leicht zu bezwingen ist, weil einem Bergbahn und Postauto ein schönes Stück an Länge und Höhe abnehmen können.
Können! Ich will die Via Alpina aber komplett erwandern, und darum gibt es für mich keine Abkürzungen. Ich fluche, als ich den Erbser Stock passiere und dort realisiere, dass dies noch gar nicht der Pass ist und ich noch mehr an Höhe gewinnen muss.
Als ich dann den «echten» Richetlipass erblicke, bleibt mir dann aber erst recht der Atem weg. Mich haut's fast aus den Wandersocken – so schön und stimmig ist das hier! Ich bin erschöpft, ich bin hungrig, aber vor allem bin ich glücklich.
Weniger schön dann der Abstieg. Es geht unglaublich steil bergab, und weil es vor kurzem geregnet hat und das Gras noch nass ist, rutsche ich trotz Stock aus und falle zu Boden. Mehrmals.
Dennoch: Ich muss da nochmals hin!
So ein Projekt macht man auch aus Eitelkeit. Ich keuche 600 Höhenmeter steil bergauf, dabei fährt in Sichtweite die Bergbahn von Linthal nach Braunwald. Bahn und Wanderweg führen durch den Wald, man sähe das Gleiche, die Schweisstropfen generieren also keinen Mehrwert. Es macht auf so mancher Ebene gar keinen Sinn, sich abzumühen; das einzige Argument dafür ist, dass ich hier und jetzt sagen kann: Ich hab dies alles zu Fuss gemacht!
Umso ironischer ist, dass von der Bergstation in Braunwald ein sehr angenehmer Fussweg zur Alp Nussbüel weiterführt. Den kann man mit Kindern machen, mit Nicht-Schwindelfreien, mit Rollstuhlfahrern (ist offiziell ein «Hindernisfreier Weg»). Er bietet Panorama, Wasserfälle, Pflanzen, alles! Dieser Spaziergang ist so viel lohnenswerter als der Murks davor.
Die Via Alpina lehrt: Leistung muss sich nicht immer lohnen.