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Zu Fuss ans Mittelmeer

Etappe 7: Ulrichen–Waldo

29,5 km • 7 h 40 (leicht geschätzt, weil meine Apple Watch zwischendurch nicht mehr zählen wollte. Ein schöner Freund!)

Ich bin in Italien! Ich hab es geschafft, ich habe heute Mittag den Griespass und damit die Grenze zu Italien erreicht.

Es war eine Qual! Dieser Pass hat mich schon die ganze Woche – ich weiss nicht, wie und warum – nervös gemacht und mit Selbstzweifeln überschüttet. Gestern Nacht war ich dann so aufgeregt, dass ich kaum schlafen konnte. Ein paar Mal döste ich ein, um dann gleich wieder aufzuschrecken. Mehr als zwei Stunden hab ich wohl nicht geschlafen.

Am Morgen war ich wie gerädert. Und zog dann doch los, mit Plan B: Im unteren Teil sind die Strecken auf den Nufenen- und Griespass identisch, weiter oben über flache Wege verbunden. Und über den Nufenen fährt ein Postauto. Worst case würde ich also ein paar Höhenmeter gewinnen und – wenn ich nicht weiter mag – die Wanderung an einer Postautohaltestelle abbrechen. Dann würde ich morgen halt dort anschliessen. Ich hätte damit eine kürzere Überschreitung – und würde so vielleicht den Fluch des Passes über mich brechen können.

Ich biss die Zähne zusammen, ich blendete alles aus, ich ging Schritt für Schritt. Es ging. Es ging sogar sehr gut! Ich kam erstaunlich schnell voran, so dass ich mir irgendwann sagte: Ich zieh das jetzt durch. (Danach folgten natürlich gleich die ganz harten Höhenmeter, aber ich muss unten genügend Tempo gemacht haben, so dass die unzähligen Minipausen keine Auswirkung auf die Marschzeit hatten.)

Es lohnte sich. Je höher ich kam, desto atemberaubender wurde auch die Sicht. Auf Passhöhe war Mondlandschaft. Die vier grossen Windräder verstärkten diesen Sci-Fi-Eindruck. Dann sah ich den Griesgletscher. Diesen Anblick wählte ich gleich zu meinem persönlichen Alpen-Highlight 2020.

Der Pass selbst konnte nicht mithalten. Ich hab jetzt nicht Flaggen und Fanfaren erwartet, aber der bescheidene Grenzstein… Schade!

Dann der Abstieg. Auch ganz nett, mit einigen fotogenen Stellen. Aber lang, sehr lang. Und als ich endlich unten im Tal war, musste ich noch kilometerlang der Strasse entlanglaufen. Was mich wachhielt: Regen. Zuerst als erfrischender Sprühregen, dann als echtes, meine Kleider durchdringendes Gewitter.

Im Hotel nahm ich eine Dusche und stellte den Wecker und schlief eine halbe Stunde lang. Danach surfte ich lustlos rum. Ich hatte keinen Power mehr, ich wollte das Bett nie mehr verlassen, nicht mal fürs Abendessen. Ich löschte das Licht, es war gerade mal halb acht.

Zwölf Stunden später erwachte ich. Vollkommen entspannt und ausgeruht. Ich hatte geschlafen wie ein Baby. Ich war glücklich.

Ich bin in Italien.

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Postscriptum: Mein Plan B hätte nie funktioniert: Die Wege zwischen den Passtrassen sind aktuell wegen Bergsturgefahr gesperrt. Auf den Gries- und Nufenenpass konnte man gefahrlos laufen, einfach von der einen zur anderen Passtrasse ist dies nicht möglich. Zum Glück hatte ich diese Option, als ich von der Sperrung erfuhr, bereits verworfen.

Der Griespass war übrigens nicht annähernd derart krass, wie er mir das so fies eingebläut hatte. Ja, man braucht ein bisschen Energie und Durchhaltewillen. Aber ein einigermassen fitter Berggänger schafft das. Selbst mit Schlafmanko.