Am siebten Tage sollst Du ruh’n. Einerseits. Andererseits muss die Show weitergehen. Obwohl mich die einzelnen Etappen nicht an meine Grenzen gebracht haben und ich von Muskelkater, Blasen und Blessuren verschont wurde, ging die wochenlange Anstrengung nicht spurlos an meinem Körper vorbei. Ich spür sie in meinen Knien, in den Oberschenkeln, in den Schultern. Vor allem, wenn die Muskeln noch kalt sind.
Darum bin ich froh, geht es heute erstmal bergab. Ich bin schon in einem Ortsteil des Nachbardorfs Gryon, als es hoch geht. Gryon ist ja eigentlich das heutige Ziel, aber für einmal ist die Tour nicht so gradlinig, sondern macht einen grossen Bogen. Sie führt nochmals ins Tal, wo ich gestern zu den Gipspyramiden hochgelaufen bin, einfach auf die andere Seite. Ich hatte gesehen, dass dort ein Alp–Weiler liegt. Ich fragte mich, ob dort noch echte Älpler leben oder ob das Dörflein in Ferienhäuser gentrifiziert wurde. Mir sehe ich: Landwirtschaft ist nur noch Kulisse.
Nochmals geht’s leicht hoch, nun stehe ich auf einem Aussichtspunkt. Ich sehe tief herunter ins Rhonetal, vor allem aber in die Walliser Alpen hoch.
Der Weg ändert sich. Gerade noch lief ich über blumenreiche Alpwiesen, nun wird er enger, verschwindet im Wald, wird zum Bergweg. Auch das Tal scheint dunkler und geheimnisvoller zu werden. Da geht es plötzlich wieder auf und macht Platz für die stattliche Alp Solalex, die Wanderer, Biker, aber auch Autofahrer mit mehr als nur einem Restaurant verwöhnen kann.
Ich mache eine Kehrtwendung und laufe nun endgültig Richtung Gryon. Der Wanderweg hat eine kleine Persönlichkeitsstörung, er weiss nicht, will er Wald- oder Feldweg sein. Einmal führt er über ein Bachbett, aber da ist kein Bach und schon gar keine Brücke. Irgendwann gibt der Weg auf und führt einfach auf einer Strasse ans Ziel.
Gryon ist hübsch, aber auf den ersten Blick leblos. Die unzähligen Chalets scheinen fast allesamt Ferienhäuser zu sei, die jetzt (und wohl nicht nur grad jetzt) leer sind. Nur ganz im Kern nimmt man Leben wahr, dann merkt man, das steckt ein richtiges Bauerndorf drin, komplett mit Käserei und Metzger an der winzigen Hauptstrasse.
(In Gryon scheint es auch kein Hotel zu geben. Ich fahre mit dem kleinen Zug zurück nach Villars-sur-Ollon und übernachte nochmals dort.)