Kategorien
Unterwegs Wandern

Der Bauch entscheidet falsch

Irgendwann beschliesse ich, dass Aosta die letzte Station meiner Reise sein wird. Der «Parco Nazionale del Gran Paradiso», Italiens ältester Nationalpark, liegt gleich um die Ecke. Hier noch ein paar schöne Wanderungen machen und dann mit dem Zug nach Hause. Oder noch besser: mit dem Bus durch/über den Grossen St. Bernhard. Dies ist eine Stecke, die ich nicht kenne.

Allerdings ist das Berge-rauf-und-runter-Wandern nicht so mein Ding; ich brauch was Zielorientierteres. Und so frage ich mich plötzlich: Warum den Nationalpark nicht einfach ignorieren und dafür Italien so verlassen, wie ich eingereist bin? Zu Fuss, über einen Pass? Die Wanderung quer durch die Schweiz kann ich mir ja schenken, aber eine Abschieds-Passwanderung, das wäre was! Eben: den Grossen St. Bernhard hoch, dann auf auf der andern Seite runter nach Martigny. Und mein Italien-Abenteuer mit vier, fünf Tageswanderungen sanft ausklingen lassen.

Tolle Idee, finde ich. Das Wetter sieht zwar nicht gut aus. Frohen Mutes rückte ich dennoch mein Wanderhütli zurecht und erlebe am ersten Tag dies:

Exit full screenEnter Full screen
previous arrow
next arrow
 

Das ist alles wunderschön. Und so stehe ich am andern Tag voller Freude auf, um den Pass in Angriff zu nehmen. Doch ich sehe… nichts. Alles ist verhangen, das Dörfli liegt in den Wolken. Noch schlimmer sieht nur der Wetterbericht aus: Es würde mich heute – je nach App – starker Regen oder gar ein Gewitter erwarten. In jedem Fall wird es auf dem Pass nicht wärmer als acht Grad werden. Soll ich den Aufstieg wagen?

Ja, sage ich mir. Es gab viele Gründe fürs Weiterlaufen, schlimm kann es nicht werden, notfalls kehr ich halt um. Aber ich fühle mich nicht wohl dabei. Ich höre die Argumente, aber ich spüre Angst. Gehe ich einfach ein Wagnis ein oder riskiere ich zu viel? Auf einer Strecke in einer Region, die ich nicht kenne? Und so kommt es zu einem Duell zwischen Kopf und Bauch. Der Bauch ist mein gewichtigeres Organ. Er gewinnt.

Ich kehre um und laufe runter nach Aosta. Mit leichtem Herzen, aber im Wissen, dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe.

Unten im Tal kaufe ich mir ein Ticket. Das GA kann ich mir anrechnen lassen, die Fahrt nach Martigny kostet mich gerade mal zehn Euro. Fünf Mal pro Woche macht ein Bus diese Strecke. Ich muss nur drei Stunden warten, dann fährt er los.

Der Bus steigt in die Höhe. Zuerst nahe an der Wanderstrecke, die ich gestern hoch und erst vor ein paar Stunden runter gelaufen bin. Dann nicht weit von der Route, die ich heute hätte gehen können. Tatsächlich, es sieht aus, als habe es geregnet. Aber nicht schlimm. Und der Weg ist, wenn ich das richtig ausmachen kann, breit und sicher. Ich wär da auch im Nebel und im Regen hochgekommen.

Als wir nach dem Tunnel in der Schweiz ankommen und das Walliser Tal herunterfahren, beginne ich mich zu ärgern. Was für eine schöne Strecke! Wär ich doch gelaufen! Auch diesen Teil hätte ich ohne Risiko machen können. Ich hätte hier noch ein paar schöne Tage verbringen und meine Ferien würdig abschliessen können.

Natürlich ärgert mich das. Es wird mich noch Tage später, als ich schon wieder in den Zürcher Alltag eingebunden sein werde, nerven. Aber es wird mir auch Ansporn sein: Ich will hier zurückkommen, ich will hier Neues erleben. Es ist ja nicht weit.

Ich muss nämlich nicht bis ans Meer laufen, um ein Abenteuer zu erleben.