Meine Wandergspändli Frau F und ich haben unseren Zweitäger schon fast geschafft. Jetzt geht es nur noch drei Kilometer locker bergab. Eigentlich. Doch plötzlich stehen wir an:

Dieser Haufen Holz und Gestrüpp liegen mitten auf der Strasse. Schon zuvor haben wir über entwurzelte Bäume steigen müssen, hier aber werden wir uns kaum durchkämpfen können. Selbst wenn: vor und hinter dem Hindernis liegen entwurzelte Bäume und Teile der Strasse fehlen, vielleicht ist diese «Wand» nicht die einzige, die uns den Weg versperren wird. Dies sind Folgen eines heftigen Unwetters, das vor zwei Wochen im Tessin schwere Schäden verursacht hat. Wir Zürcher haben das damals nicht registriert, heute jedoch zwingen sie uns zur Umkehr. Wir laufen also zurück, bis wir einen alternativen Weg zum Ziel finden. Mehr als acht Kilometer laufen wir vergeblich. Dass wir so kurz vor Ende unserer Tour nochmals fast scheitern, ist jedoch Programm.
Wir sind im Tessin, auf den letzten Kilometern, auf der letzten Etappe des Weitwanderweges «Via Gottardo». Er führt auf 330 Kilometern quer durch die Schweiz, von Basel über den Gotthard nach Chiasso. Natürlich ist das kein Spaziergang, das macht man nicht an einem Wochenende oder schnell mal in den Ferien. Dennoch brauchten wir länger als geplant, die gut zwanzig Tagesmärsche haben sich schlussendlich auf vier Jahre verteilt.

Es ist halt auch viel passiert! Unfälle, Spitalaufenthalte und ärztliche Behandlungen. Wetter und Winterpausen. Ferien. Me-Time, die ich letztes Jahr als Ausgleich zu meiner Weiterbildung brauchte. Und generelle Schwierigkeiten, wenn sich zwei Menschen mit vollen Terminkalendern finden müssen. Das Leben macht es einem nie leicht, aber wie jetzt, auf den letzten Kilometern, haben wir einfach weitergemacht. Aufhören wär ein Fehler gewesen.
Die «Via Gottardo» ist primär ein schön abwechslungsreicher Wanderweg. Er bietet alles: Jura, Mittelland und Alpen. Städte, Agglo und Pampa. Rhein, Aare, Reuss und Ticino. Man läuft durch Wälder und Felder und auf Fels, entspannt an Flüssen und Seen entlang (über den Vierwaldstättersee darf man allerdings das Schiff nehmen!), es geht immer mal wieder auch steil rauf und runter. Es mag prestigeträchtigere und anspruchsvollere Routen geben, die «Via Gottardo» trumpft aber dann auf, wenn es mehr als nur um Leibesertüchtigung gehen soll, wenn man mehr als nur nach einem schönen Bergpanorama sucht. Der Weg folgt ja einer für uns ungeheuer wichtigen Verkehrsroute und ist quasi ein Greatest-Hits-Album von Schweizer Geschichte und helvetischem Selbstverständnis. Am Weg liegen etwa Rheinhafen und Muttenzer Bahnhof, der alte Hauenstein-Tunnel und der Kilometer-Null-Stein im Bahnhof Olten, der Militärflughafen von Emmen und die Gotthardfestungen, das Tell-Denkmal und der Teufelstein, die Schöllenen und die Tremola, die Grotti von Personico und die Burgen von Bellinzona, Isone und Morcote, der Damm von Melide und die Versteinerungen auf dem Monte S. Giorgio. Auf so einer langen Strecke gesellen sich natürlich auch noch unzählige Dramen hinzu, ein persönlicher Höhepunkt ist sicher ein fieser Hundebiss, der von einer Ärztin genäht werden musste.

Es war also eine unglaublich schöne Tour. Unbedingt empfehlenswert. Vielleicht bereite ich die hier mal digital auf (wenn ich noch alle Speicherkarten mit Fotos aller Etappen finde). Im Moment bin ich aber vor allem froh, dass wir es geschafft haben und allen Hindernissen, die sich uns bis ans Ende in den Weg gestellt haben, trotzen konnten.