Ich zügle. Ich muss umziehen. Das, was ich über zwanzig Jahre lang als «Daheim» bezeichnet habe, wird mir wegen Eigenbedarf weggenommen.
It’s not right. But it’s okay.
Nach über zwanzig Jahren ist man ein bisschen bequem und faul und fett geworden. Irgendwie bin darum froh, dass mich äussere Umstände aufgescheucht haben, dass ich aus meiner Comfort Zone vertrieben werde. Und ich viele Fragen beantworten muss: Wo will ich leben? Wie? Mit wem? Was ist es mir wert? Was darf es mir wert sein? Was nehme ich mit, was lasse ich zurück? Womit fülle ich eine leere Wohnung? Was empfinde ich als nah, als zentral, als ruhig? Was brauche ich in meinem Umfeld, worauf kann ich verzichten?
Einiges musste ich schon beantworten, über anderes kann ich noch nachdenken. Es wird spannend.
(Spoiler: Ich bleibe selbstverständlich in Zürich. Statt in einer WG im Kreis 5 lebe ich nun aber alleine in Altstetten. Ja, das wird ein Ding!)
Normalerweise gönn› ich mir Ende Februar ein paar Tage Ferien. Dieses Jahr ist ja weiterhin alles anders, aber ich will zumindest ein verlängertes Wochenende lang weg.
Wohin, das wusste ich lange nicht. Ich will in der Schweiz bleiben, aber wenn man wie ich kein Wintersportler ist, scheint dieses Land grad wenig attraktiv für Urlaub zu sein. Da entsann ich mich an die letzte Auszeit, als ich nach Italien lief. Und an den Tagesmarsch von meiner Wohnung nach Deutschland. Sowas will ich wieder machen, ich will wieder in ein anderes Land laufen. Frankreich wär schön.
Frankreich beginnt gleich hinter Basel, dahin könnte ich es in vier Tagesmärschen schaffen. Damit zumindest ein bisschen Ferienstimmung aufkommt, will ich in Hotels übernachten und nicht jeweils nach Hause fahren, vermutlich ist das sogar sinnvoller. Ansonsten bin ich den ganzen Tag an der frischen Luft – und sicher.
Ob mich die Grande Nation wirklich reinlässt? Ob ich danach einfach so wieder in die Schweiz darf? Ich weiss es nicht. Man wird es sehen. Ich will es aber nicht darauf ankommen lassen, im schlimmsten Fall mach ich auf den letzten Metern vor der Grenze Halt. Tant pis. Bekanntlich ist ja der Weg das Ziel.
Muss ich anfügen, dass dies eine sehr schöne Wanderung war? Sie war es. Weil die Sonne schien und es schon fast frühlingshaft warm war. Aber auch, weil ich durch mehrheitliche hübsche Gegenden laufen durfte. Es war alles herrlich chillig und sorglos und stressfrei. Ich lief sehr viel (in diesen vier Tagen 128 Kilometer), aber es kam mir nicht so vor. Ich war einfach im Flow. Ich durfte geniessen.
Was macht man im Winter, wenn man eigentlich daheim bleiben soll, aber raus muss, weil einem sonst die Decke auf den Kopf fällt? Wenn man woanders hin möchte, sich aber nicht lange im ÖV aufhalten will? Wenn man sich mit Freunde trifft, aber nicht aufeinander hocken möchte?
Ich hab da eine Idee: Man starte ein Wanderprojekt! Eines ganz in der Nähe. Und führt es mit Freunden durch.
Ich bin im November mit drei Freundinnen zum «Zürichsee-Rundweg» aufgebrochen. In zehn Etappen (offiziell; wir haben das in sechseinhalb geschafft) führt der rund um «unseren» See, manchmal direkt am Ufer entlang (oder sogar auf dem Wasser), manchmal sieht man den Zürisee bloss in weiter Entfernung, einmal ging’s auf den Etzel, da verschwand er unter einer Nebeldecke. Überhaupt ist das eine überraschend abwechslungsreiche Wanderung, vielleicht weniger, was die Landschaft betrifft, dafür entdeckten wir einmal mehr, wie unglaublich vielfältig die Menschen und ihre Spuren in diesem relativ kleinen Teil der Welt sind.
Es war also schön und aufschlussreich und ist empfehlenswert. Es war nur eine kleine Flucht vor dem Eingesperrtsein, aber immerhin!
Neulich stolperte ich über ein seltsames Rezept. Und kurz darauf über ein ganz ähnliches. Ein Zeichen; ich wusste nun: Das muss ich ausprobieren!
Die beiden Rezepte erklären, wie man Chutney macht. Mit Bananen! Und zwar mit den ganzen Früchten. Also auch mit der ungeniessbaren Schale.
Wenn ich auf sowas stosse, muss ich es dann halt ausprobieren.
Das werde ich alles essen!
Ich hab also Bio-Bananen gekauft, bleibe aber skeptisch. Bananenschalen als Lebensmittel? Vorsichtshalber wässere ich sie gut zwei Stunden lang. Das bringt nichts, auch danach sind sie noch immer adstringierend und ungeniessbar.
Da hab ich halt mit dem Umsetzen schon begonnen, ich beschliesse, das durchzuziehen. Wenn schon im Rezept-Titel darauf hingewiesen wird, dass «Zero Waste» gekocht wird, werden die mich schon nicht verarschen. Denke ich.
Apropos Rezept: Das ist ziemlich simpel. Vielleicht ein bisschen zu simpel. Ich erlaube mir, es mit weiteren Zutaten anzureichern. Natürlich muss ich gleich wieder übertreiben! Als der Chutney fertig gekocht ist, wird der Bananengeschmack ziemlich überdeckt. Schade.
Wird mit den Bananen in einen Topf geworfen: Schalotten, Knoblauch, Ingwer, Koriandersamen, Senfsamen, Peperoncini, Fenchelsamen, Zucker. Ausserdem kommt noch Essig dazu.
Andererseits ist nichts mehr von der Bananenschale auszumachen. Da schmeck ich nichts Bitteres, nichts Adstringierendes aus der Sauce raus, nichts was am Genuss stören könnte.
Das Versprechen ist also eingelöst worden. Bananen-mit-Schalen-Chutney ist eine ziemlich leckere Sache. Kann man nachmachen.
Als ich die Masse in Gläser abgefüllt habe, fällt mir dann doch auf, dass ich einen grossen Fehler gemacht habe. Ich hätte noch Kurkuma zugeben müssen, Dann wäre der Chutney bestimmt schön gelb geworden, so richtig bananig halt. Jetzt ist die Mass grau. Langweilig und wenig appetitlich.
Schön ist das alles nicht.
Das werde ich beim nächsten Mal besser machen. Wenn es ein nächstes Mal geben soll: Ich mache Chutney gerne, um Früchte und Gemüse vor dem Foodwaste-Tod zu retten. Bananen habe ich eigentlich nie zuhause. Und Früchte – und dann auch noch in Bioqualität – aus einem andern Kontinent herbeizuschaffen, nur um sie dann gleich zu verkochen, macht nun wirklich keinen Sinn.
In diesen tristen, regnerischen Wintertagen sehne ich mich nach Sonne, Süden und Ferien. Befeuert, aber teilweise auch befriedigt wird diese Sehnsucht aktuell von englischen Foodblogs. Die zeigen momentan und saisongerecht viele Rezepte mit «Seville oranges».
Seville oranges! Das tönt halt schon mal anmächeliger und romantischer als der entsprechende deutsche Ausdruck: Bitterorangen. Und vielleicht auch darum sind sie in Grossbritannien und Irland so viel populärer als hierzulande. Während es die kleinen, sauren Zitrusfrüchte auf den Inseln scheinbar überall zu kaufen gibt, muss man hierzulande so richtig danach suchen. Dieses Jahr, habe ich mir vorgenommen, werde ich das mal tun. Und wurde bei Jelmoli fündig.
Ein Pfund Bitterorangen
Um die CHF 6 kostet das Kilo, in Bioqualität nochmals einen Franken mehr. Viel Schönes kriegt man dafür nicht: Die Früchte sind klein, machen einen leicht verschrumpelten Eindruck, die Schale hat deutlich mehr Orangenhaut als die ihrer süssen Geschwister. Und sauer sind sie! Beim Reinbeissen erinnert kaum noch was an Orange, eine stechende Säure wie von einer Zitrone überdeckt alle anderen Aromen.
Saft, Fruchtfleisch, Schalen, Kerne – alles rein damit!
Doch ich habe sie nicht zum Rohessen gekauft. Traditionell englisch verkoche ich ein Pfund für Orangen-Marmelade. Selten hab ich so unfoodwastig gearbeitet: Für diese Konfi hab ich nicht nur Saft und Fruchtfleisch verwendet, sondern auch die Schalen und sogar die unzähligen Kerne. Dies alles wird erstmals zwei Stunden gekocht, in der Zeit löst sich die Schale zu einem grossen Teil auf und die (in ein Gewürz-Ei gesperrten) Samen sondern Pektin ab. Erst danach (und nachdem ich das Gewürz-Ei rausgefischt habe) beginne ich, die eigentliche Konfi zu kochen. (Zum Glück habe ich eine Kenwood Cooking Chef, sodass ich Rühren und Kochen abgeben kann!)
So sieht die fertige Marmelade aus
Das Ergebnis ist dank viel Zucker dann doch ziemlich süss und nur leicht bitter. Aber es schmeckt im Gegensatz zu gekaufter «Butterorangen-Marmelade» erdiger und rauher. Die Schalen und Kerne haben auch im Aroma ihre Spuren hinterlassen.
Das gibt Curd
Wahrend die Orangen für die Marmelade am Kochen waren, machte ich mit einem weiteren Pfund Früchte noch schnell Curd, jene superleckere Streichmasse mit Butter, Eiern, Zucker und für einmal Bitterorangen. Von diesem Ergebnis bin ich weniger beeindruckt, einmal mehr muss ich feststellen, dass der «normale» Curd mit Zitronen einfach am besten schmeckt. Aber natürlich werde ich mir in den nächsten Tagen und Wochen dennoch unzählige Brote mit Bitterorangen-Curd streichen.
Die Ausbeute von einem Kilo Orangen
Die Marmelade hingegen werde ich vor allem zum Backen und Kochen verwenden. Ich mag Konfitüre nämlich nicht so sehr.