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Zu Fuss ans Mittelmeer

Etappe 8: Waldo–Baceno

21,5 km • 4 h 30

Nach Domodossola sind es etwa 40 Kilometer. Das könnte ich doch easy…

Halt! Heute will ich es ganz langsam angehen lassen. Tagesziel ist das Städtchen Baceno. Nein, davon hab ich auch noch nie gehört. Aber es liegt 20 fast ausschliesslich flache Kilometer entfernt. Bingo!

Ich will auf der heutigen Etappe aber auch noch was lernen. Das Wandern in Italien. Da gibt’s ja auch Wanderwege und Karten, aber ich weiss noch nicht so recht, wie ich die lesen und interpretieren soll. Ich habe zufällig herausgefunden, dass es auch einen italienischen «Via Sbrinz» gibt (führt auch über den Griespss, aber von Domodossola bis Ulrichen). Auf der Website der regionalen Tourismus-Organisation fand ich eine GPX-Datei und konnte sie aufs Handy laden. So habe ich eine semi-offizielle Karte mit dabei und kann es riskieren, auch mal ein abgesperrtes Feld zu überqueren und eine Alternative zum Laufen auf der Hauptstrasse zu finden.

Es ist stark bedeckt und kühl, der Weg selbst ist ganz nett. Oftmals habe ich das Gefühl, ich befinde mich in einem Tessiner Bergtal – inklusive Granitbergwerken und Mischwald auf den Bergen. Nur die Architektur irritiert. Vor allem im oberen Teil dominiert die Bauweise der Walser, die Dörfer bestehen aus Holzhäusern und sehen aus wie beispielsweise im Wallis. Erst als ich talabwärts laufe, treffe ich immer öfter auf jene alten Steinhäuser, die ich mit dem Tessin assoziiere.

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Postscriptum: Ich bin sehr glücklich, im Italien zu sein. Auch weil mein Plan langsam konkreter wird. Ich posaune meine Projekte sonst ungern zum vornherein in die Welt hinaus. Mein «Ich laufe jetzt ans Meer» dünkt mich immer noch ein bisschen grossspurig und mutig. Aber wenn ich jetzt scheitern soll, hab ich immerhin was geleistet und eine schöne Erinnerung an diese Ferien gesammelt: Ich bin in einer Woche von daheim nach Italien gelaufen. Ist ja auch was!

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Etappe 9: Baceno–Domodossola

26,6 km • 5 h 30

Das war heute erwartungsgemäss ein entspannter Spaziergang dem Fluss Tosa entlang. Allerdings entdeckte ich drei Ärgernisse, die längerfristig zum Problem werden könnten:

  • Hunde. Wenn Hunde, die bellen, nicht beissen, dann ist man in Italien ja schon sehr sicher… Ich will jetzt Hunde nicht generell dämonisieren (naja, eigentlich schon), aber vielleicht gibt es ja auch den einen oder anderen Lügner unter ihnen. Also einer, der dann halt doch zuschnappt. Und vielleicht findet so ein Rotweiler auch mal ein Schlupfloch aus seinem Garten.
  • Schlangen. Nicht, dass ich eine gesehen hätte, aber genau das ist das Problem: Ich bin vollkommen paranoid und erwarte sie im Süden (für mich als Stadtzürcher: jenseits der Albispasshöhe) unter jedem Stein und hinter jedem Gebüsch. Es ist auch schon passiert, dass ich bei einem überwachsenen Pfad einfach rechtsumkehrt gemacht hab. Zum Beispiel heute.
  • Autos. Und die Strassen. Und die Beschriftungen. Als ich den Via Sbrinz kurz vor Domodossola abgeschlossen hab, wollt ich die gröbsten Verkehrstangenten grossräumig umwandern. Und hab mich verlaufen und bestimmt eine Stunde verloren und musste schliesslich dennoch einer trottoirlosen Schnellstrasse entlang – begleitet von gehässigstem Hundegebell. Das hat mich vielleicht gestresst!

Schade. Es wär sonst so schön gewesen!

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Postscriptum: Ich hab jetzt zwei kurze Etappen gemacht, aber wie ich heute Abend Gelati löffelnd durch die Fussgängerzone Domodossolas lief, wurde mir bewusst, dass ich komplett unterschiedlich Realitäten passiert habe. Vor zwei Nächten war ich in einem kleinen Walserdörfli völlig in der Pampa. Gestern auch total auf dem Land, aber immerhin mit ein bisschen Infrastruktur. Domodossola nun fühlt (fühlt!) sich im Gegensatz dazu wie eine richtige Stadt an, die Italianità ausströmt. Krasse Unterschiede auf kleinem Raum!

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Etappe 10: Domodossola–Mergozzo

35,4 km • 6 h 42

Heute wieder Vollgas!

Zumindest dann, wenn ich nicht gerade nach einer spannenderen Wegalternative suche oder wenn ich nicht umkehren muss, weil ich auf einem Bauernhof gelandet bin.

Es bleibt eine Herausforderung: Ich laufe heute auf offiziellen Wanderwegen und die verlaufen auf Hauptstrassen ohne Gehsteig. Das braucht Nerven! Zwei Wegabschnitte haben mir aber gut gefallen: einmal ging’s ein bisschen den Hang hoch, das wurde zu einer richtigen Bergwanderung. Und dann bin ich einfach mal einem Radweg gefolgt, der mehrere Kilometer lang durch ein Naturschutzgebiet führte.

Zu den Highlights zähle ich auch die beiden Gespräche mit Rentnern, die sich über meine Wanderung wunderten. Sie fragten mich, nachdem ich gesagt habe, ich wisse schon, dass es bis zum Etappenziel noch immer über zwanzig Kilometer sind, ob ich Schweizer sei. Das war süss und das hatte etwas Menschliches. Italien kommt mir gerade nicht so gastfreundlich vor. Das liegt natürlich an den kläffenden Hunden, aber auch an den Autofahrern, die den freundlichen Gruss des Wandersmannes nicht erwidern. In erster Linie ist aber 2020 dran schuld. Es tragen hier halt alle und überall Masken, und der Austausch mit dem Servicepersonal kann noch so freundlich sein, man bleibt sich halt fern.

Ziel von heute war Mergozzo, von dem ich bei den (oberflächlichen) Vorbereitungen zum ersten Mal gehört hab. Es liegt an einem gleichnamigen See, der offensichtlich erst vor tausend Jahren vom Lago Maggiore abgetrennt wurde. Laut Wikipedia ist er einer der saubersten Seen Europas. Vielleicht springen darum so viele rein und amüsieren sich beim Baden.

Ich bestelle Pizza.

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Postscriptum: Heute ist der zehnte Tag meiner Wanderung. Laut meiner Planung müsste ich schon halb am Meer sein. Und doch bin ich erst auf Höhe Lago Maggiore! Dem Augenschein nach ist das kein Widerspruch. Auf der Karte sieht‘s tatsächlich aus, als wär ich luftlinienmässig (fast) in der Hälfte. Und die steilsten Etappen hab ich ja schon fast alle gemacht.

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Etappe 11: Mergozzo–

Plötzlich geht‘s nicht mehr weiter, auf einmal kann ich nicht mehr. Da ist diese Brücke, auf der dichter Berufsverkehr – in der einen Richtung zweispurig – rast. Ich soll da auch drüber. Und danach diese Strasse gleich noch überqueren. Trottoir und Zebrastreifen hat es nicht. Ich starre auf die Brücke. Ich kann nicht mehr.

Bereits bin ich vier Kilometer gelaufen, einer Nebenstrasse entlang, immer brav am Randstein. Autos und Lastwagen brausten nah an mir vorbei. Und nun das! Und danach vermutlich wieder einige Kilometer dem Randstein entlang. Am Nachmittag soll es eine hübsche Bergwanderung geben. Doch bis dann? Was danach?

Ziel von heute ist Orta San Guilio. Ich hab zwei Nächte gebucht und will mir morgen den ersten Ruhetag dieser Tour gönnen. Weil‘s in Orta halt so einiges zu sehen gibt. Vor allem aber, damit ich nachdenken kann, wie es weitergeht. Die letzten Tage mit ihren flachen Etappen waren bedeutend anstrengender als jene über die Berge. Und weit weniger erfüllend: Ich ziehe nur noch den Kopf ein und schreite den Weg möglichst schnell ab. Soll das die nächsten zwei-, vielleicht dreihundert Kilometer so weitergehen? Sollen Hundegebell und das Geräusch von hinten herannahende Autos die Erinnerungen an meinen Vierwochenurlaub prägen? Damit ich ein irrelevantes Ziel erreichen kann? Oder muss man auch auf eine lustige Idee einzahlen? Wenn ich es einfach und sicher hätte haben sollen, dann hätte ich dieses Projekt ja «Ich laufe an den Pfäffikersee» nennen sollen.

Eben. Darüber will ich in Orta nachdenken. Das war der Plan. Aber jetzt steh ich vor dieser Brücke. Eine Mischung von Angst und Erschöpfung, aber auch einer Art Ekel überfällt mich. Ich versuche, weiterzulaufen. Doch es geht nicht, auf einmal kann ich nicht mehr.

Ich kehre um.

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Warum’s nicht klappen konnte

Was hab ich denn erwartet?

Es ist herzig, dass ich gedacht habe, in Italien laufe es gleich wie (naja, vielleicht schon ein My schlechter als) in der Schweiz. Und dass ich meine Erfahrungen einfach mitnehmen und übernehmen kann und sich das dann irgendwie einrenkt. Aber es läuft halt so nicht.

Ich vermute nach wie vor, das Projekt, von Zürich ans Meer zu laufen, wär machbar. Nur hätt ich das besser vorbereiten müssen: Karten im Vorfeld auftreiben und studieren, Teile der Strecke mit Google Maps angucken. Und mein Vorgehen umkehren: Zuerst eine gute Route suchen und danach den Zeitplan bauen.

(Ironischerweise ist mir genau das passiert, was ich im Berufsleben immer beobachtet und kritisiert habe: Da hat man eine Website oder ein Produkt, was recht erfolgreich läuft. Kann man ja einfach duplizieren und damit einen neuen Markt aufmischen! Technisch ist das kein Problem; neuen Content/die notwendigsten Übersetzungen sollte man mit anderthalb FTEs schaffen. Vielleicht wird man nicht über Nacht Marktführer, aber man hat schon mal bewiesen, was man kann; den Erfolg sollte man sollte man also duplizieren können. Man launcht. Man verschickt eine MM mit dem Titel: «X erobert den Z-Markt.» Danach wird es sehr schnell sehr still. Im nächsten Jahresbericht ist das Projekt noch die Bemerkung «positive Entwicklung» wert.)

Das alles ist kein Unglück! Das war ja nur so eine Idee. Ich durfte zehn schöne und vor allem ganz besondere Urlaubstage erleben. So nebenbei hab ich eine Alpenüberquerung gemacht. Ich weiss nun (auch aus dem Frühlingsurlaub), dass ich zehn Tage am Stück auch über längere Strecken wandern kann, dass ich alles, was ich für längere Zeit zum Leben brauche, zu tragen vermag. Letzteres ist übrigens ein supergeiles Gefühl!

Nach ein paar herrlich langweiligen Tagen in Orta San Giulio und Novara, setze ich meinen Weg dort. Anders als geplant. Ich fahre ans Meer.